Die vier Möglichkeiten, den Euro zu retten

Eine Ergänzung zu meinem taz-Kommentar „Schreddern wir Europa?“

Die Flut an Zuschriften auf meinen taz-Kommentar “Schreddern wir Europa?” macht es notwendig, den Kommentar zu präzisieren.

Ich vertrat die These, dass wir den Euro schreddern müssen, wenn wir Europa retten wollen. Das meint nicht, den Euro komplett zu beerdigen; allerdings müssen viele Länder die Währungszone verlassen, um den Spardiktaten von IWF, EZB und EU zu entgehen und zwangsläufige Ungleichgewichte durch andere Inflations- und Produktivitätsentwicklungen zu vermeiden. Eine These war, das erst durch einen radikalen Schnitt die Gestaltungseliten der Europäische Union das Einsehen haben, sich gezwungen sehen bzw. gezwungen werden, ihre Politik wieder an den Menschen auszurichten, wenn sie die EU erhalten wollen. Dies könnte eine Tür öffnen, auch die Finanzinstitutionen zu bändigen.

Daran, dass weite Teile unserer Gestaltungseliten die EU erhalten wollen, habe ich keinen Zweifel. Deshalb finde ich es auch verwunderlich, warum radikal euro-skeptische, pro-europäische Haltungen so selten anzutreffen sind. Denn je länger die Euro-Misere dauert, desto mehr werden sich nationalistische Strömungen verstärken. Je länger „wir“ die Peripheriestaaten im Euro halten und diese mit Spar- und Privatisierungsmaßnahmen gängeln, desto stärker werden nationalistische Tendenzen nicht nur dort, sondern überall in Europa werden. Je länger die Peripheriestaaten sich einreden, Vorteile vom Euro zu haben, werden sie einer nationalistischen Brut Vorschub leisten.

Die Einwände gegen meinen Standpunkt, man sollte dem Euro in seiner heutigen Form den Todesstoß geben, sind mir durchwegs bekannt, am Bedeutensten natürlich das Risiko eines Rückfalls in nationalistische Politikmuster. Erst ganz am Schluss des Kommentares habe ich dazu einen Nebensatz geschrieben, das war zu wenig. Und was ich in dem Kommentar ganz außen vor ließ, war die Beschreibung der zwangsläufigen Dynamiken von Einheitswährungen in inhomogenen Wirtschaftsräumen – die sich etwa in den USA oder in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg studieren lassen. Hier nun einige Stichpunkte:

Zu “Nationalismus”:
* Ungarn: Da existiert kein Euro (weil die Konvergenzkriterien meilenweit verfehlt werden), nur hat das alles rein gar nichts mit dem dortigen ätzenden Rechtspopulismus zu tun. Oder meint tatsächlich jemand, gäbe es dort den Euro, gäbe es dort weiterhin Pressefreiheit? Und das Nichtvorhandensein eines Euros in Ungarn hat nichts mit der dortigen Krise zu tun: Die Sparauflagen des IWF u. der EU aufgrund eines Rettungskredites 2008 machen jedem Land zu schaffen, egal ob Euro oder eben Forint… “natürlich” hat auch Ungarn lieber mit einer Flat-Tax v.a. Unternehmen umgarnt, anstatt seinen Staatshaushalt vernünftig zu finanzieren, nebst dem üblichen Ausgabenquatsch, usw… Jedenfalls: Den Euro sollte man nicht so hoch hängen. Der verhindert keine nationalistischen Rückschritte, wie sie gegenwärtig wahrscheinlich nicht nur in Ungarn betrieben wird. (Der Nicht-Euro verhindert natürlich auch keine Krisen. Die menschlichen Fähigkeiten, Unfug zu machen, sind unbegrenzt…)
* Nationalismen bleiben trotz Euro virulent. Vgl. Belgien, Lega Nord, etc..
* Wir erleben trotz Euro ein Aufleben nationalistischer Ressentiments – und diese stützen sich jetzt natürlich auch auf die durch ökonomische Verflechtungen geschaffenen Zwänge, die durch fehlende internationale oder europäische Zusammenarbeit in sozialen Bereichen zu Ungerechtigkeit oder gar sozialer Verelendung führen. Der Umfang notwendiger europäischer Zusammenarbeit allein aufgrund des Binnenmarktes, also ohne Euro, wäre knapp unendlich: Steuerharmonisierung, Bekämpfung von Steuerflucht, Lohnuntergrenzen, Sicherung von Sozialstandards gegen Unterbietungskonkurrenz, … De Facto benötigt bereits der EU-Binnenmarkt einen Staatenbund, um bei dem herrschenden Standortwettbewerb sozial ausgleichend zu bleiben, indem die Staaten viele Bereiche ihrer Souveränität aufzugeben hätten. Und m. e. gab es DESHALB in den 90er-jahren bereits keine realen Netto-lohnsteigerungen mehr. Die 90er-Jahre: Die kapitalistisch vergesellschafteten Menschen werden unzufriedener, Abstiegsängste nehmen zu, Populismus wird gefährlicher.

Die Jahrtausendwende brachte den Euro. Was dies zusätzlich bedeutet, geht kaum auf keine Kuhhaut. Erstens haben die Gestaltungseliten jetzt eine noch bessere Waffe gegen unbotmäßige Forderungen der „Massen“: den ultratransparenten Standortwettbewerb mit fixierten Wechselkursen. Zweitens können sich die starken Staaten viel besser gegen die Schwächeren durchsetzen – denn ohne makroökonomischer Koordination zwischen den völlig unterschiedlichen Staaten entwickeln sich diese zwangsläufig auseinander. Die Wettbewerbspositionen der EURO-Länder müssten KÜNSTLICH gleich gehalten werden, das liegt mitnichten im Ermessen einzelner Länder, sondern bedarf europäischer Politik.

Warum? – Beispiel: Bei der Euro-Einführung wurden vernünftige Wechselkurse gewählt. Durch den Euro sank das Zinsniveau v.a. in den Peripheriestaaten drastisch ab, ein erhoffter positiver Effekt. Dadurch stieg die Investitionsbereitschaft dort steil an, dies führte zu Wachstum – ein gewünschter Effekt. Wachstum soll (!) mit Lohnsteigerungen einhergehen, Lohnsteigerungen in wachsenden und produktiver werdenden Branchen müssen (!) Lohnsteigerungen in anderen Branchen nach sich ziehen (etwa beim Frisör um die Ecke – der wird sonst abgehängt), deshalb zieht Wachstum, soll es allen zu gute kommen, auch eine gewisse Inflationierung des Geldes nach sich (der Frisör wird nicht produktiver, muss aber seine Preise erhöhen, um die höheren Mieten zahlen zu können, … u. a. “cost-push-inflation”, Inflationstheorien gibt es viele…). Die Produktivität entwickelt sich entsprechend der wachsenden Wirtschaftsbranchen – wenn die eher agrarisch oder von einfachen Dienstleistungen geprägt ist, wird die Produktivität langsamer steigen als etwa in high-tech-dominierten Ländern.

Fazit: In aufholenden Ökonomien mit hohen Wachstumsraten werden die dortigen Produkte schneller teurer als in Langsamwachsern. Wenn in den Schnellwachsern auch noch das Produktivitätswachstum kleiner als in Langsamwachsern ist, dann werden die Leute etwa in Griechenland nur noch ausländisches Zeug kaufen (falls möglich), weil es langsamer teurer als Einheimisches wurde. Sonst wären sie ja blöd. Dabei ist es egal, ob nun der Staat oder Privathaushalte kaufen, egal ob kreditfinanziert oder mit eigenem Geld: Man kauft billig – und solange das möglich ist, d.h., das dazu notwendige Geld irgendwoher kommt, wird die Leistungsbilanz immer negativer, d.h., irgendwer, ob nun Privathaushalte oder der Staat, müssen sich Geld leihen… und keiner kann so richtig an den Pranger gestellt werden.

Will man diese Entwicklung rückgängig machen, so gibt es innerhalb der Währungsunion vier Möglichkeiten:
1) Das zu teure Land spart sich billig. Das versuchen die Peripheriestaaten im Moment. Na ja, die Jugendarbeitslosigkeit geht schon jetzt gegen 50 % und die Länder müssen diesen Sparwahn noch einige Jahre betreiben – das wird scheitern, davon bin ich überzeugt. Die Länder können ihre Lohnstückkosten nicht ohne eine noch viel größere Katastrophe im Mittel um ca. 25 % reduzieren – doch das müssten sie! ODER:
2) die wettbewerbsfähigen Länder werden weniger wettbewerbsfähig. Das geschieht durch steigende Lohnstückkosten, d.h., vor allem ihre Lohnkosten müssen rauf, und gern dürfen sie sich etwas weniger produktiv entwickeln. Also für Deutschland: 10 Jahre satte Lohnerhöhungen und Ausbau der personenbezogenen Dienstleistungen, die für Ökonomen wenig produktiv sind, und in diesen 10 Jahren noch viele, viele Kredite an die Peripherieländer, dann könnte man die Leistungsbilanzen zum Ausgleich bringen. das hat Heiner Flassbeck hier mal durchgespielt! (Folie 19: die D-Löhne müssen über 10 Jahre jährlich um 2 %-Punkte mehr steigen als die Produktivität … Flassbeck/Spiecker nennen das eine “fiktive” Entwicklung. Klar, dafür sind die Gewerkschaften zu schwach und auch die Hirne der neoliberalen Eliten). Dann bleibt noch
3) eine makroökonomische Koordination (etwa koordinierte EU-weite Lohnerhöhungen) zusammen mit monetärem Ausgleich zwischen Defizit- und Überschussländern. Dieser müsste die Größenordnung der Leistungsbilanzungleichgewichte erreichen, (momentan ca. 150 Mrd. € jährlicher Überschuss in Deutschland). Sicher nicht in voller Höhe, aber orientiert an der Höhe und deutlich im zweistelligen Milliardenbereich. Wohlgemerkt: Dieses Geld würden wir hier als Steuern einsammeln und müssten es den Defizitländern schenken. Nix Zinsen, nix Rückzahlen; als Bedingung etwa Korruptionsbekämpfung, gerechte Steuersysteme, nachhaltiges Investment. Aber da müssten wir wohl erstmal vor der eigenen Türe kehren, einige Jahre lang, bis wir einerseits rechtschaffen Bedingungen stellen könnten, und dann nochmal 10 Jahre nachdenken, bis wir dahinter kommen, dass wir das Geld deshalb verschenken müssen, weil wir WOLLEN, dass Europa zusammenwachse, eine Einheitswährung dazu als notwendig erachten und wir Produkte lieber exportieren als den eigenen Bevölkerung zu überantworten. Aber es gibt ja noch eine Möglichkeit:
4) Menschen in wenig produktiven, von Schuldenkrisen und/oder Rezessionen gebeutelten Ländern ziehen in boomende, hochproduktive Zentren mit geringerer Arbeitslosigkeit. Oder abstrakt: Ein inhomogener Währungsraum und „asymmetrische Schocks“ erzwingen Wanderungsbewegungen. Dann kann man auch die ganze Welt mit einer Einheitswährung überziehen… Doch: Erstens gäbe das Nationalpopulisten noch viel mehr Wasser auf die Mühlen, zweitens: Wenn ich mir nun überlege, ich hätte hier in Regensburg das Problem, dann müsste ich sagen: Nein, ich will nicht in Europa herumwandern, und meine sozialen Bezüge und die mir lieb gewonnene Gegend verlassen müssen, nur weil durchgeknallte Finanzeliten meinen, Systeme schaffen zu müssen, die mich zum Nomadentum zwingen (wer das will, bitteschön, ich will nicht). Das mögen Menschen in den USA toll finden, wenn sie im Verlauf ihres Arbeitslebens zig Mal umziehen müssen, obwohl ich nicht glaube, dass die das tatsächlich gern tun. Der ultraflexible, ultramobile Arbeitnehmer ist für mich kein Leitbild sondern eine Zumutung. (Völlig unabhängig von Sprachbarrieren und sonstigem)…

Fazit: Option 4 will ich nicht. Option 2 und 3 scheiden auf Jahre hinaus aus, also werden die Länder entweder kaputtgespart, auf Kosten der dortigen Bevölkerungen, oder der Euro wird dort geschreddert. Selbst wenn es gelänge, die Wettbewerbsposition durch Sparwahn wieder ins Lot zu bringen, müssten trotzdem immer noch die Optionen 2 und 3 umgesetzt werden, damit die LohnstückkostenENTWICKLUNG nach überwinden der Krise dauerhaft harmonisiert werden können. Ein auf ich schätze mal zwei Jahrzehnte völlig utopisches Ansinnen. Dann bedeutet aber ein Gelingen von Option 1 lediglich, dass danach gleich die nächste Krise aufgebaut wird oder weitergespart wird.

Das macht auf Dauer keine Bevölkerung mit. Die Unterwanderung der Gedankenwelten der Bürger Europas wird so im Verlauf der kommenden 10 Jahre immer stärker geprägt sein von: Angst, Verunsicherung, Abstiegsangst, Exklusionserfahrungen, krampfhaftes Festhalten an Restroutinen. Damit werden die Gedankenwelten immer Offener für Heilsversprechen, vor allem für rechte Ideologie, die sich schützend über Geschundenen auszubreiten vorgibt. Dieser Schutz soll dann im nationalen Container gefunden werden. Dann doch lieber einsehen, dass der Euro, wie es ihn momentan gibt, Europa zerstört.

Denn: Noch hat die Rechte nicht das Mobilisierungspotential sowie die Anhängerschaft, um genügend Kapital aus einem Austritt verschiedener Länder aus der Eurozone zu schlagen. Deshalb sollten die Peripheriestaaten möglichst bald austreten. Deshalb hoffe ich, dass Griechenland bald zahlungsunfähig ist. Denn noch gibt es eine sehr starke Fraktion europäisch denkender Menschen. Noch besteht die Hoffnung, dass eine Austrittswelle tiefere Gedanken über Europa fördert. Aber wenn neoliberales Gesindel hier jetzt noch 10 Jahre Siechtum verordnet, dann ist Europa final tot.

Schlussbemerkung: Wieso ein Austritt von ca. 5-7 Ländern aus der Euro-Zone, einschließlich Italien, zwangsläufig eine europaweite Depression auslösen sollte, erschließt sich mir nicht. Vielmehr stehen momentan die Zeichen auf ökonomischer Abkühlung. Wenn es zu Austritten aus der Eurozone kommt, dann wird es sicher zu Reibungsverlusten auf den Finanzmärkten kommen – Na und? Dafür gibt es dann wieder nationale Zentralbanken, die die Länder und deren Banken mit Liquidität versorgen werden. Und es gibt die EZB für die Resteurostaaten, die auch keine Banken über die Wupper gehen lassen werden. Dann interessiert das aber die reale Wirtschaft nicht. Viel eher: Ein Euro-Schnitt würde Länder von Spardiktaten befreien, zusammen mit einem Schuldenschnitt würden Steuergelder wieder weniger an Vermögende umverteilt, sondern wieder in den realen Wirtschaftskreislauf gelangen. Das ist ein Konjunkturprogramm und Grundbedingung, damit die Länder der Peripherie aus ihren Rezessionen herauskommen. Nun noch eine gehörige Portion EU-weit koordinierte Geldvermögenssteuern aller Art, und die Soße von Heute wäre zu überwinden. Aber im Euro-Zwangskorsett: Keine Chance!

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Warum die Schuldenbremse ein sozialdemokratisches Projekt werden könnte

Finanzmarkt-Einmaleins nicht nur für Politiker

Die Frage, wer in einem Land Schulden machen kann, ist sehr leicht zu beantworten, nämlich: a) der Staat, b) die Bevölkerung und c) die Unternehmen. Natürlich werden d) auch die Handelspartner eines Landes Schuldner, wenn sie in ihrer Summe mehr Güter des Landes einführen als an dieses verkaufen (EU-Beiträge etc. seien hier vernachlässigt, sie ändern nichts Wesentliches).

Am schönsten wäre es natürlich, wenn die Bevölkerung spart und ihr Vermögen vergrößert, der Staat keine neuen Schulden mehr macht und die alten zurückbezahlt und auch die Unternehmen ihre Investitionen aus ihren Gewinnen bestreiten und dazu noch Rücklagen für schwierige Zeiten oder zukünftige Investitionen bilden – bei ausgeglichener Leistungsbilanz.

Es gibt nur einen Haken: Wenn die Spargelder der Bürger auf ihren Konten anwachsen und sie dafür eine Verzinsung erwarten, brauchen sie Schuldner, die ihnen Zinsen bezahlen. In den vergangenen 20 Jahren sind die Ersparnisse der Haushalte sogar deutlich gestiegen. Gleichzeitig ist der Kapitalbedarf der Unternehmen (anteilig am Volkseinkommen) jedoch gesunken – immer mehr können sie aus eigener Kraft finanzieren. Was geschieht nun mit all den Zinsen und Anlage suchenden Überschüssen? Sie werden dem Staat und dem Ausland geliehen, wem auch sonst?

Nun wird die Schuldenbremse die Kreditneuaufnahme des Staates ab 2016 massiv reduzieren. Ebenso steht zu erwarten (und zu hoffen!), dass auch das Ausland nicht mehr bereit sein wird, unsere Waren auf Pump zu kaufen, spricht, die Leistungsbilanz Deutschlands wird geringere Überschüsse ausweisen.

Das führt zwangsläufig zu (u. u. schmerzhaften) Anpassungsprozessen, folgende Möglichkeiten sind denkbar: a) Entweder die privaten Geldvermögen steigen langsamer (oder gar nicht mehr), oder b) die Verzinsung der Geldvermögen sinkt oder c) der Kapitalbedarf der Unternehmen steigt. Alles können sozialdemokratisch erwünschte Effekte sein. Denn wenn der Staat trotz Schuldenbremse seine Handlungsfähigkeit aufrechterhalten will, so ist er ab 2016 noch viel stärker als bisher gezwungen, seine Steuerbasis zu sichern – zwei Möglichkeiten muss er forcieren:

* Er kann sich das Geld von den Vermögenden direkt abholen, die es ihm zuvor nur gegen Zinsen leihen wollten (in Form von Vermögens- und Einkommenssteuern). Geld mit Zinsen zu verdienen heißt sowieso nur, sich an fremder Leute Arbeit zu erquicken. Geschieht dies in geringerem Umfang, wäre das nur gerecht.
* Er kann die Unternehmenssteuern, v. a. auf einbehaltene Gewinne, erhöhen. Dann müssten Unternehmen dauerhaft verstärkt Spargelder der Bürger nachfragen.

Voraussetzung ist natürlich, dass die Staatenlenker den Staat nicht kaputt sparen wollen und endlich die Erkenntnis durchsickert, dass Steuerkooperation auf europäischer Basis Voraussetzung für ein sozial gerechtes Europa ist. Deshalb ist die Schuldenbremse eine Entscheidungshilfe für die Sozialdemokraten: Entweder gemeinsam in ein gerechteres Europa oder die Nationalstaaten werden jeder auf seine Weise versuchen, sich durchzuwursteln und die Bevölkerung mit sozialen Kahlschlagprogrammen irgendwelchen Nationalpopulisten in die Arme treiben.

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Kyoto: Bitte beerdigt den Quatsch doch endlich

Kanada ist aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen, sonst müssten sie wegen Nichterfüllung Strafe zahlen. Welche Vorteile hätten sie auch gehabt, wenn sie ihre CO2-Emissionen reduziert hätten? – Nur irgendwelche abstrakten in einer ungewissen Zukunft. Zukunftsfähigkeit mit Bestrafungssystemen hinzubekommen funktioniert nicht.

Jetzt ist es noch deutlicher geworden: Das Kyoto-Protokoll ist eine Kopfgeburt, eine Nebelkerze und ein Schönwetterprojekt. Eine Kopfgeburt, weil es das Herz nicht anspricht, die Menschen nicht mitnimmt, von Technokraten umgesetzt wird und die Bevölkerung nicht begeistert. Eine Nebelkerze, weil es davon ablenkt, tiefer über unser Wirtschaftssystem, seine materielle Basis, seinen Wachstumszwang und über den Standortwettbewerb nachzudenken. Und es ist ein Schönwetterprojekt, weil es schon bei der leisesten Krise, etwa einer Rezession, nicht erst bei einer ausgewachsenen Finanzkrise, zur Staffage verkommt. Demnächst kommt vielleicht (vielleicht?) eine Ölkrise. Kann sich irgendwer vorstellen, dass dann noch irgend wer von handelbaren CO2-Kontingenten redet?

Das Kyoto-Protokoll beruht auf der ökonomischen Ästhetik der Effizienz: “Dort Emissionen sparen, wo es am wenigsten kostet”. Das Ergebnis: Keines. Im Gegenteil: Die Emissionen steigen massiv. Eigentlich ist damit alles gesagt, nur wollen selbst viele links-ökologisch orientierten Bürger nicht sehen, dass sie auf Weltklimakonferenzen internatinale Solidarität lediglich geheuchelt bekommen. Denn es geht um Standortinteressen, nicht anders als bei WTO-Verhandlungen.
Nur weil etwas für gewisse Bevölkerungsgruppen reizvoll ist oder dem Effizienzdenken gehorcht, muss es noch lange nicht a) politisch durchsetzbar b) zielführend und c) krisenstabil sein. Das Kyoto-Protokoll ist nicht durchsetzbar, weil es genuinen ökonomischen Interessen zuwiderläuft, es ist nicht zielführend, weil die Schlupflöcher unendlich groß sind, und es ist nicht krisenstabil. Angenommen, ein Krieg zwischen USA und einer anderen größeren Macht bricht aus. Nichts, aber auch gar nichts wird von Kyoto bleiben.
Zehntausende ökologisch Denkende, evt. in Forschungsinstituten arbeitende Menschen werden hingehalten, abgelenkt, verheizt, missbraucht, und dürfen hoffen, dass Weltklimaverhandlungen oder das Kyotoprotokoll die Treibhausgasemissionen reduziert: Kritisches Potential wird ruhiggestellt. Die Verhandler, Forscher, Demonstranten dürfen sich auf eng abgesteckten Spielwiesen austoben. Die Sinnlosigkeit ihres Tuns sollte ihnen doch jetzt langsam klar werden: Schon wieder eine Welthandelskonferenz – schon wieder keine greifbaren Ergebnisse. Ein Federstrich – Kanada ist draußen.

Zukunftsfähigkeit geht anders. Man kann sie nicht in abstrakten Weltverträgen verordnen. Wenn die Menschen die ökologischen Krisen überwinden wollen, müssen sie ihre Kultur wandeln – das ist ein Prozess, dessen Tiefe z. B. Harald Welzer (“Das Ende der Welt wie wir sie kannten”) erkannt hat, aber auf den Weltklimakonferenzen noch nicht einmal Greenpeace-Aktivisten – sonst würden sie über dieses Getue höchstens den Kopf schütteln.

Ganz sicher brauchen wir keine Weltklimakonferenzen – sondern WTO-Konferenzen, auf denen Klimaexperten ihre Vorstellungen von nachhaltigem Welthandel in Vertragsform bringen. Wir brauchen einen IWF, der von Ökologen dominiert ist, eine UNO, in der ein Umweltrat über dem Sicherheitsrat steht. Eigentlich logisch. Nur sieht man schon an diesen drei Beispielen, wie viel Arbeit vor uns liegt. Übrigens: Wir brauchen auch kein Umweltministerium, sondern Umweltminister und einen Stab aus Umweltexperten in jedem Ministerium, die mit Vetorechten ausgestattet sind. Also noch mehr Arbeit.

Zukunftsfähigkeit geht anders. Sie hat mit Demut zu tun, mit Zufriedenheit, mit Kooperation und Verantwortungsbewusstsein. Und diese kann nur in der Welt wachsen, in der wir konkret leben, also in Nahräumen. Und diese kann nur in einem Wirtschaftssystem wachsen, in dem wir nicht “besser” leben wollen, sondern “gut” leben wollen – ohne systemischer Wachstumszwänge. Die Möglichkeit, uns so zu entwickeln, müssen wir uns erst noch erkämpfen – in einer derart ungleichen, von Werbung und Erwerbsarbeitszwängen vollgepflasterten Welt kann das nicht gehen.

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Chaos mit Geld – ein Rundumschlag mit Wutausbruch

Man muss sich das schon auf der Zunge zergehen lassen. Da gibt es Leute, die haben ziemlich viel Geld, und jetzt wissen sie nicht mehr, wohin damit. Sie haben Angst, dass die Aktienkurse purzeln, also verkaufen sie Aktien – und die Kurse purzeln. Sie haben Angst, dass die Staaten ihre Schulden nicht mehr zurückzahlen, also verkaufen sie Staatsanleihen – und neue Staatsschulden zu machen wird so teuer, dass Staaten sie sich nicht mehr leisten können. Wie wär’s mit Bausparer? Oder Festgeld bei der GLS-Bank? – “Zwei Milliarden als Festgeld” werden die sogenannten “Institutionellen Anleger” antworten, “bieten doch keine vernünftigen Renditen”. Ich sei völlig realitätsfern. Außerdem gehe es ja auch um “Risikodiversifizierung”, d.h., von allem a bisserl was ist besser als alles auf eine Kante. Sollte ich jetzt besser ruhig sein? – Nein!

Ich beschäftige mich jetzt seit 15 Jahren mit den Finanzmärkten, aber mehr als Geldgier und Risikoscheu war zur Erklärung der dort ablaufenden Phänomene noch nie nötig. Die Konstruktionsweise unseres Geldsystems erzwingt die permanente Schaffung neuer Vermögen, gleichzeitig belohnt es Gewinner überproportional, und je versauter ein Charakter, desto besser. Logische Folge: Verrohung der Sitten (Charakter), Vermögenskonzentration von immer höheren Vermögen, deren Eigner immer dreistere (Vermehrungs-)Forderungen stellen. Theoretisch mögliche Lösungen der Probleme scheitern an der Machtposition des Geldadels: Wer hat, kauft sich “Megaphone” und kann sich seine Gesetze zimmern. Mir scheint das seit Jahrhunderten ein Kernproblem zu sein: Der Geldadel häuft Geld auf Geld, bis sie mit den Geldhaufen auch kurzfristig erkennbaren Quatsch machen (Immobilien-, Aktienspekulation, …) und schließlich eine kritische Masse Menschen völlig verarmt bzw. abgehängt sind, die dann irgendwelchen Populisten oder Fanatikern nachlaufen, und der Geldadel finanziert auch noch deren Kriege. Erst danach bereinigt Inflation die Geldvermögenskonzentration, doch leider nicht die Sachvermögens-, die Beziehungskisten- und Wissenskonzentration, und so können die alten Eliten eine neue Kapitalismus-runde aufziehen. Sicher gibt es Ausnahmen, und alles ist noch viel komplexer. Dass die Vermögenskonzentration jedoch das Wirtschaftsgeschehen destabilisieren, das ist ein Fakt: Die nächste Finanzkrise ist sicher.

Das Neue der Gegenwart: Es gibt kein “zwischen” den Finanzkrisen mehr. Seit 2007 wird gerettet und rausgehauen was geht, und trotzdem stabilisiert sich nix. Wie auch? Wenn nur Symptome bekämpft werden und nicht die zentrale Ursache: Geldgier. Und deren Folge: Perverse Vermögen.

Schulden und Vermögen sind dasselbe – nur mit verschiedenem Vorzeichen. Allen Schulden stehen Vermögen gegenüber, die Welt als Ganze ist weder überschuldet noch vermögend: Die Nettogeldvermögen sind in etwa Null! – Sie legen 1000 Euro aufs Konto, die Bank verleiht das Geld weiter. Dann hat der Kreditnehmer Schulden, Sie haben Vermögen. Wenn Griechenland “überschuldet” ist, ist wer anders “übervermögend”. Also machen wir einen Schnitt: Alle Geldvermögen größer 250.000 Euro werden konfisziert und damit die Schulden beglichen. Alles weg bis auf “Peanuts”. Was geschieht dann in der “Realität” – eine neue Vermögensanhäufrunde wird eingeläutet. Selbst die Vermögensvernichtung befreit nicht wirklich.

Aber wäre das nicht auch ungerecht? – Nö. Den Reichen bleibt reichlich. Mit den Sachvermögen muss man natürlich irgendwas ähnliches machen und das dann gerecht verteilen. Wieso nicht z.b. den Aldi- und Lidl-Besitzern jeweils eine Filiale lassen und die anderen zigtausend unter den Beschäftigten und den Stammkunden genossenschaftlich verteilen. Das wäre zwar nicht regelkonform aber gesellschaftsdienlich. Seien Sie kreativ – suchen Sie weitere Beispiele. Und bringen Sie sie ins Gespräch: Eigentum muss anders gestaltet werden!

Das ist nämlich eine Grundlage unseres Geldsystems. Es ist exakt privater Besitz, der kreditwürdig macht. Genau Privateigentum kann als Sicherheit dienen; wer nix hat, bekommt keinen Kredit. Also wäre es doch einen Gedanken wert, über Gemeingüter oder Allmenden nachzudenken (aber bitte dabei den Schwachsinn von Hardin überwinden und bei Elinor Ostrom einsteigen –> wiki!), und sich die dazu passenden Methoden zu überlegen, um Zukunftsinvestitionen ohne Kredit und Renditewahn hinzubekommen. Ja, das geht.

Damit wären wir beim zweiten Kernproblem unserer Finanzmärkte: Investiert wird in das, was sich rechnet, und nicht in das, was zukunftsfähig, sozial, gesellschaftsdienlich oder integrativ ist. Rendite und Rückzahlungssicherheit ist alles, alles andere ist nichts. Das Finanzsystem funktioniert genau so: Geld wird für rentable Projekte gegeben – und “rentabel” bedeutet ausschließlich: Gut für den Geldbeutel. Dieser Investitionsmechanismus hat unsere Welt zu dem gemacht, was wir nun vor uns haben – ein von Kriegen, Ungleichheit, Hunger und Umweltzerstörung gezeichneten Planeten. Dieser Mechanismus muss sterben. Oder wer anderes stirbt. Der Einstieg in den Ausstieg:

* Geldgier als solche benennen: Wer Zinsen jenseits der Inflation sucht, zerstört diesen Planeten. Wer Gewinne zu treiben versucht, macht dasselbe. Wissen Sie überhaupt, was Ihr Geld alles anrichtet? Kennen Sie die 4 vernünftigen Banken? (hier)
* Unternehmen müssen anders koordiniert werden: Aus geldgierigen Unternehmern müssen Sozialunternehmer werden, die keinerlei Kontrollzwängen unterliegen. Alle Stakeholder müssen Teilnehmer von Entscheidungen und Eigentümer von Unternehmen werden (hier).
* Die gegenwärtigen Finanzmärkte müssen einfach nur geschreddert werden. Privatbanken gehören verstaatlicht oder vergenossenschaftlicht, also in Sparkassen oder VR-Banken umgewandelt. Und einiges mehr.

Aber dieses Klein-Klein, das allerorten diskutiert wird, um die Weltfinanzmärkte zu retten, (also diese Welt ein Stück weiter vor die Hunde gehen zu lassen, nur eben “normal”), geht mir auf den Keksk.

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Warum Energiesparen noch viel schwieriger ist, als Sie denken!

Angenommen, Sie haben genug Geld, um Ihre Wohnung oder Ihr Haus ordentlich zu dämmen, um weniger Heizen zu müssen, um so das Klima zu schützen. Dadurch sparen Sie zum Beispiel jährlich 500 Euro Heizkosten. Nun stellt sich die Frage: Was machen Sie mit dem Geld? – Mehr Urlaub, gar mehr Flugreisen? Oder erfüllen Sie sich jährlich einen kleinen Spielzeugwunsch? Erstes Jahr ein i-pad, zweites Jahr ein Flachbildschirm, drittes Jahr ein neuer Wohnzimmerschrank, viertes Jahr …

Doch wenn Sie das Geld verkonsumieren, dann benötigten die von Ihnen gekauften Güter bei der Herstellung ja ebenfalls Energie – und vor allem auch Rohstoffe. Und auch vordergründig „immaterielle“ Dienstleistungen kosten Energie. Kann es sein, dass es manchmal sogar umweltfreundlicher wäre, ein Haus erst gar nicht zu dämmen?

Energiesparen will gelernt sein. Im oberen Beispiel gibt es drei Möglichkeiten, tatsächlich das Klima zu schützen:
• Jährlich einen 500-Euro-Schein in Flammen aufgehen lassen. Irgendwie wenig befriedigend.
• Weniger arbeiten, um 500 Euro weniger zu verdienen. Damit verringern Sie Ihre Nachfrage nach Konsumgütern um 500 Euro – eine gute Sache. Das geht nur schief, wenn jemand anderer Ihre Arbeit übernimmt und die von Ihnen gesparten 500 Euro zusätzlich verdient – und alles verkonsumiert. Dann könnten Sie das Geld auch gleich selbst verkonsumieren. Wenn aber massenweise Menschen weniger arbeiten würden, weil sie weniger Geld für’s Heizen brauchen, dann würde die Nachfrage sinken – und damit der Energieverbrauch insgesamt. Aber Vorsicht: Dann würde die Wirtschaft schrumpfen!
• 500 Euro in regenerative Energien investieren – aber ohne dafür Zinsen zu bekommen! Und es muss sichergestellt sein, dass die Regenerativen nicht zusätzlich zu AKWs und Kohleschleudern gebaut werden, sondern letztere dafür abgeschaltet werden. Ganz schön schwierig.

Ich hoffe, Sie sehen, Energiesparen ist schwierig. Unter anderem wegen dieses hier angedeuteten Effekts steigt unser Energieverbrauch pausenlos an, obwohl wir mit einem Barrel Erdöl immer mehr Produkte herstellen können, immer mehr Wohnraum heizen können – sprich: obwohl wir immer effizienter werden. Das größte Problem dahinter ist das Wachstum: So lange die Wirtschaft wächst, frisst dieses Wachstum alle Effizienzfortschritte auf. Seit Jahrzehnten steigt die Energieeffizienz um rund 0,7 % im Jahr, während das Wachstum auf der Welt ca. 2 % beträgt. Und so stiegen die Treibhausgasemissionen allein im Jahr 2010 um 5 %.

Es kann nur eine Lösung geben: Abschied vom Wachstum. Nur was tun mit denjenigen, die zu wenig von allem haben – ob hier in Deutschland oder weltweit? Auch hier gibt es nur eine Antwort, sie lautet: Umverteilen. Entweder die soziale Schere schließt sich, oder die Ökologie bleibt auf der Strecke. Hier in Deutschland und weltweit. Deshalb ist starke, ausgleichende Sozialpolitik und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vor allem durch Arbeitszeitverkürzung (und nicht durch zusätzliche Jobs) Voraussetzung für Klimaschutz. Logisch, dass dabei manche Branchen schrumpfen und manche wachsen müssen. Und logisch, dass der Weg dorthin noch weit ist – und viele gut organisierte Lobbys zu bekämpfen sind, wie etwa die der großen Energieversorger.

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Ich hasse Werbung – Teil 1

Soll die Wirtschaft weiterwachsen wie bisher, d.h., noch mehr Werbung, die uns noch mehr Bedürfnisse anerzieht, die uns noch mehr in Kaufhallen treibt, die uns noch mehr fabrikneuen Sperrmüll kaufen lässt, der schon nach dem Kaufakt in der Ecke liegt? Nein, um unsere Zukunft weniger zu verdrecken, ist Verzicht gar nicht notwendig, was auch gar nicht funktionieren würde. Es geht nämlich viel einfacher. Zu verzichten heißt, etwas zu wollen und hernach schweren Herzens die Bedürfnisbefriedigung zu unterlassen. Also sollte man so manches erst gar nicht wollen.

Einige Bedürfnisse haben alle Menschen (Nahrung, Wohnung, Familie, Freunde, …). Viele Bedürfnisse müssen den Menschen jedoch aufwändig anerzogen werden (z. B. dass wir Mineralwasser brauchen, weil es „besser“ ist). Wenn diese Bedürfnisse nicht geweckt würden, wären sie nicht vorhanden. Dann würden wir gar nicht spüren, dass uns etwas fehlt.

Es ist wie bei meinem 3-jährigen Sohn, der bei seinen Großeltern fünf Zentimeter vor dem flackernden Fernseher steht und fragt: „Was ist das?“ – Ihm fehlt die Glotze natürlich nicht, wir müssen seinen Fernsehkonsum nicht reglementieren, und wir enthalten ihm auch nichts vor, das ihn irgendwie unglücklich machen würde. Ihm fehlt Fernsehen nicht, er verzichtet nicht darauf. Hoffentlich noch lange.

Mir geht es übrigens genauso – obwohl ich bis zu meinem 16. Lebensjahr ausgiebig vor der Glotze verweilte. Wir haben keinen Fernseher, wir brauchen ihn nicht, schon gar nicht verzichten wir auf ihn. Der Flimmerkasten würde stören, die entspannten Gespräche am Abendessentisch, die Abendplanung, das Treffen von Freunden, den Ratsch in der Nachbarschaft, das Lesen. Denn das Fernsehen würde mit diesen Aktivitäten konkurrieren, der Tag hat nur 24 Stunden. Ergebnis wäre ein Verdrängungswettbewerb, bei dem ziemlich viel auf der Strecke bliebe.

So. Zurück zur werbung. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, Sie wüssten nichts davon, dass Renault, BMW oder Audi gerade eine neue Modellreihe auf den Markt bringt, oder dass Bikinis bei H&M für unter 10 Euro in den neusten Modefarben zu haben sind. Sagen Sie jetzt nicht, dass Ihnen das sowieso egal ist; wenn es so ist, dann überlegen Sie sich ein für Sie zutreffendes Beispiel. Was wollten Sie in letzter Zeit mal genauer recherchieren, weil Sie irgendwo eine Annonce gesehen haben? Vielleicht die Vorzüge des neuen i-Pad, den Preis der 8GB-Sticks oder dieser Capuccino-Maschinen? Neuer Teppich? – Wenn Sie ehrlich sind, werden Sie etwas finden.

Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, es gäbe keine Werbung mehr. Gingen Sie in ein Geschäft, könnten Sie sich natürlich über Produkte informieren, auch auf den Webseiten der Unternehmen. Aber außerhalb der Geschäfte – nichts! Zeitungen und Zeitschriften so werbefrei wie Radio, TV und Spiegel-Online. Sicherlich würde sich bei vielen Zeitgenossen zunächst eine gewisse Leere breitmachen, leider. Sicherlich würden wir aufgrund der Dinge, die andere besitzen und die wir an ihnen bestaunen, in Geschäfte gehen und manche davon kaufen, etwa um dazuzugehören, um nicht „alt“ auszusehen, um ebenfalls einen gewissen Status zu zeigen. Doch so nach und nach würde unser Konsumverhalten weniger „aufgeregt“ werden. Und vor allem würde sich die Zeit verringern, die wir mit Einkaufen und Kaufentscheidungen zubringen. Wäre das nicht der Fall, so wäre Werbung unnötig – unsere Unternehmer verschwenden allerdings nicht 20 Mrd. Euro an die Werbewirtschaft. Sondern wissen sehr genau, dass sie alles tun müssen, um möglichst präsent zu sein – immer und überall. Würde nicht mehr für Smartphones geworben und darüber unentwegt geredet, schon bald hätte der Hype ein Ende.

Werbung und die anschließende Konsumschlacht rauben uns Zeit. Ich behaupte, sie rauben uns sogar den Blick auf’s Wesentliche. Der Lärm der Werbung betäubt uns und lenkt unsere Aufmerksamkeit fort von den Menschen, hin zu den Dingen. Nicht jener interessiert in unserer Warenwirtschaft, sondern mit welchen Dingen wir ihm imponieren können und mit welchen er uns imponiert. Wer das ist, unser Mitbürger, unser Nachbar, unser Vereinskollege, mag durchscheinen – im Zentrum steht er nicht. Im Sport interessiert sein „Bike“, im Job sein Gehalt, in den Ferien sein Hotel. Wenn die Werbebilder verschwänden, so meine Hoffnung, könnten wir wieder ein bisschen mehr von den Menschen an sich sehen, die uns gegenüber stehen.

Und keinem würde etwas fehlen, außer vielen Unternehmen ihre Konsumäffchen. Mehr, v.a. über die wirtschaftlichen Folgen in Teil II…

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Die Nachdenkseiten können auch Käse schreiben

Liebe Leit’,

passend zum Osterkonsum hier einen Hinweis auf einen Artikel aus den Nachdenkseiten – der so grottenschlecht ist, dass man sich fragen muss, was albrecht müller damit bezwecken möchte.
(http://www.nachdenkseiten.de/?p=9169) (vorsicht, der text ist lang, nicht der hier, sondern der auf den nds)

these I) müller ist bezüglich systemtranszendierender fragen nicht offen. sonst würde er nicht so komisch argumentieren – offensichtlich will er nicht über die prinzipiellen probleme unseres wirtschaftssystems nachdenken, nur: warum nicht?
these II) müller hat manches nicht richtig durchdacht oder will es nicht. dann wäre er bereits ziemlich festgefahren in seinem denken – und das wäre eine dicke warnung für die zukünftige lektüre der NDS

Beleg durch einen beliebigen, kleinen Auszug aus dem Text als Beispielzitat:
“Unterschwellig spielt die Vorstellung eine Rolle, die Bedürfnisse seien gesättigt und schon deshalb bedürfe es keines Wachstums.
Das ist die Vorstellung der heute entscheidenden Generation ohne Rücksicht auf die kommenden Generationen und ihre Bedürfnisse; und außerdem ist die Sättigungsthese typisch für die gut versorgten und tonangebenden Mittelschichten und Oberschichten. Dass die nachwachsende Generation eigene Bedürfnisse haben könnte und beispielsweise nicht unbedingt in den Möbeln der Alten wohnen will, dass es nicht allen so gut geht wie der gehobenen Mittelschicht und viele Menschen und Familien berechtigte Bedürfnisse haben, wird oft vergessen.”

Kommentar hierzu:
1) mit der argumentationsfigur “unterschwellig” kann man auf subtile weise jedem jeden senf unterstellen. sonst kritisieren die NDS solch ein vorgehen. Außerdem sind es auch die Wachstumskritiker, die sich damit auseinandersetzen, welche Bedürfnisse woher kommen und z. B., ob diese vulgärliberale Werbeindustrie wirklich “freiheit” gibt, oder ob sie sie nicht auch vielfältig nimmt…
2) Dann der satz zu “kommende generationen” und ihre bedürfnisse:
* hier wird unser heutiges konsumniveau als wichtig für ungeborene dargestellt. tatsächlich wichtig im kontext der wachstumskritik ist der soziale und ökologische zustand der welt. hier mit sofas zu argumentieren, ist lächerlich.
* wenn zukünftige menschen andere möbel als ihre eltern wollen, so führt dies zu konsum. nur wenn die zukünftigen MEHR möbel als die alten wollen, führt es zu wachstum.
* Hier die Wachstumskritiker in die nähe der “heute entscheidenden Generation” zu stellen, und dann diesen und den Wachsstumskritikern “ein vorgehen “ohne Rücksicht” zu unterstellen, ist eine Nebelsprache, die ich in der Springerpresse erwarten würde. Als ob Wachstumskritiker irgendwo in den Entscheidungseliten zu finden wären… Ich weiß wirklich nicht, was Albrecht Müller mit diesem Absatz inhaltlich ausdrücken will, denn was dasteht, ist Käse – nur die Stimmung, die er erzeugt, ist eindeutig gegen den wachstumskritischen Diskurs gerichtet.
* Schwingt hier die Vorstellung mit, dass wir aus moralischen Gründen gegenüber der zukünftigen Generationen gezwungen sind, maximal zu wachsen, weil zukünftige nur dann am wenigsten entbehrungsreich leben können? Dann lebt Albrecht Müller tatsächlich innerhalb des Paradigmas, dass maximales Wachstum auch zu maximalem Wohlstand und Wohlergehen führt. Dass das Käse ist, wissen wir schon länger.
3) die mittelschichtfixierung: es sind exakt die mittelschichten träger des umweltgedankens. dass leute mit zu wenig geld sich zu wachstumskritik nicht äußern, weil sie mit den tagesroutinen bereits überfordert sind, ist ziemlich trivial. wer denn sonst außer den mittel- und oberschichten kann eine “sättigungsthese” vertreten?? außerdem hat albrecht müller hier den sinn der ursprünglichen sättigungsthese ganz woanders hin verschoben. ursprünglich: wenn leute alles haben, lassen sich keine neuen bedürfnisse mehr wecken, also kaufen sie nix neues mehr (ist leider empirisch widerlegt… die WErbefuzzis sind zu gut). bei müller wird intendiert: bestimmte mitglieder der mittel- und oberschichten wollen nicht mehr, dass es weitere bedürfnisse gibt. auch hier wieder: nicht ein “wachsen” der bedürfnisse wird von Müller angesprochen, sondern Bedürfnisse als solche. das steht nicht so da, aber es soll m.e. genau dieser eindruck erweckt werden.
4) dann wird noch schnell untestellt, dass die wachstumskritiker “oft” vergessen, dass es berechtigte bedürfnisse gibt.
* ja, das wörtchen “oft”. damit kann man sich von jeder recherche, von jeder eindeutigen positionierung frei machen. man kann in dem text davor eine stimmung gegen etwas erzeugen, ohne viel zeit zu verschwenden.
* ein abbau sozialer ungleichheit ist ein zentrales paradigma der wachstumskritischen szene. Gerade weil die NDS ein Hort derjenigen ist, die ebenfalls darauf insistieren, versteh ich das ganze Geschreibsel nicht.

Mir kommt es durchaus so vor, als wäre Albrecht Müller einfach nicht willig, hier sein Weltbild etwas zu erweitern…

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Die Gier

Die Gier (Wilfried Schmickler, in: Neues aus der Anstalt, 22.3.2011)

Was ist das für ein Tier, die Gier?
Es frisst in mir, es frisst in Dir.
Will mehr und mehr und frisst uns leer.

Wo kommt das her das Tier und wer erschuf sie nur, die Kreatur?
Wo ist das finstre Höllenloch, aus dem die Teufelsbestie kroch?
Die sich allein dadurch vermehrt, indem sie Dich und mich verzehrt?
Und wann fängt dieses Elend an, dass man genug nicht kriegen kann?
Und plötzlich einfach so vergisst, dass man doch längst gesättigt ist.
Und weiter frisst und frisst und frisst.

Und trifft dann so ein Nimmersatt auf jemand, der etwas hat,
was er nicht hat, und gar nicht braucht, dann will er’s auch.
Wie? Das soll’s schon gewesen sein, nein, nein, da geht bestimmt noch rein.
Und überhaupt, da ist doch wer, der frisst tatsächlich noch viel mehr.
Und plötzlich sind sie dann zu zweit, die Gier und ihre Brut – der Neid.

Das bringt mich nochmal ins Grab, das der was hat, was ich nicht hab’,
das der wo ist, wo ich nicht bin, das will ich auch, da muss ich hin.
Warum denn der, warum nicht ich, was der für sich, will ich für mich.
Der lebt in Saus und lebt in Braus, mit Frau und Hund und Geld und Haus,
und hängt den coolen Großkotz raus, wahrscheinlich alles auf Kredit.
Der protzt und prahlt und strotzt und strahlt.

Wie der schon geht, wie der schon steht, wie der sich um sich selber dreht.
Und wie der aus dem Auto steigt und alle Welt den Hintern zeigt, blasierte Sau.
Und seine Frau ist ganz genauso arrogant und dekundant.

Und dann die Blagen, die es wagen, die Nasen so unendlich hoch zu tragen,
da hört er aber auf, der Spaß – so kommt zu Neid und Gier der Hass.

Und sind die erst einmal zu dritt, fehlt nur noch ein ganz kleiner Schritt,
bis dass der Mensch komplett verroht, und schlägt den anderen halbtot.
Und wenn Ihr fragt, wer hat ihn bloß so weit gebracht,
das hat allein die Gier gemacht.

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Diskussion mit Autor Ernst-Wilhelm Händler und ein MZ-Bericht dazu

Unten stehender Leserbrief wurde von der Mittelbayerischen Zeitung leider nicht veröffentlicht, weil ich kein MZ-Leser wäre, sondern ein in die Situation verwickelter Podiumsteilnehmer. Ich dokumentiere ihn hier, weil er auch ein wenig ein Licht auf den Autor des Textes, Herrn Hein, wirft, der mir allzu vorurteilsbehaftet nicht nur Meinung und Inhalt mischte, sondern auch die Veranstaltung völlig scheps darstellte. Ich danke der MZ im Voraus, dass ich anstelle des Leserbriefes meine Position kommende Woche in einer “Aussenansicht” darstellen kann.

—-

Liebe MZ-Redakteurinnen und -redakteure,

als Teilnehmer am Podium des EBW zum Thema “Das Geld beherrschen” bitte ich um Richtigstellung meiner Positionen, die im Artikel von Helmut Hein (3.2.) nicht korrekt wiedergegeben sind, und deshalb um Veröffentlichung meines Leserbriefes hierzu.

Nette Grüße,
Harald Klimenta

“Das Geld beherrschen”

“Klimenta will die Teufelsmacht des Geldes brechen” – durch die Macht der sozialen Bewegungen. “Dem Anlass gemäß schwärmt er von Ägypten.” – so notiert der MZ-Redakteur Helmut Hein. Dabei waren meine Aussagen und Intentionen völlig andere: Es ging um eine Re-regulierung der Finanzmärkte. Dass jene notwendig ist, wird kaum jemand leugnen – und dass Finanzmärkte nur zu bändigen sind, wenn auch die Bürger dafür einstehen und jenes einfordern, sich hierzu entsprechend organisieren und artikulieren, das ist meine feste Überzeugung: Politiker handeln nicht nur im Bereich der Finanzmärkte entsprechend der lautesten Lobbys. Also braucht es “Lobbyismus von unten”. Wie gut jener “von oben” funktioniert, läßt sich täglich beobachten. Ohne Gegengewicht werden wir in noch größere Ungleichheit und geradewegs in die nächste Finanzmarktkrise schlittern.
Von dem Volksaufstand in Ägypten sprach ich in einem Nebensatz – weil er sehr deutlich zeigt, wie schnell es mit Ruhe und Ordnung vorbei sein kann. Quasi übernacht, angesteckt durch die Proteste in einem anderen Land, stehen Millionen auf der Straße. Wer selbiges vor einem Monat für Möglich gehalten hätte, wäre verlacht worden. Und in Deutschland: Steigende Ungleichheit, Arbeitsverdichtung und Streß, autoritäres Demokratieverständnis a la “ich bin gewählt, jetzt regier ich durch!”, rücksichtslose Durchsetzung von Großprojekten und vieles mehr können ebenfalls ein explosives Gemisch geben. Noch ist es nicht so weit – aber das kann sich schnell ändern.
Leider erkenne ich auch in vielen anderen Aussagen des MZ-Redakteurs die Positionen und Diskussionsstränge des gelungenen Abends nicht wieder. Mehr Neutralität hätte geholfen.

Harald Klimenta
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Ein wunderschöner Absatz…

in einem wunderbaren Buch:

So lange Liebe primär Bedürfnis ist, sind ihre Ausdrucksweisen relativ leicht verallgemeinerbar. Erst wenn ich auf dem Grund meines Hungers nach Liebe die Liebe als eine Fähigkeit entdecke und dieses Potenzial mit meinem Wissen, meinen Erfahrungen und meinen Begabungen zu durchdringen versuche, wenn ich mithin meine Liebeskraft immer mehr individualisiere, erschließt sie mir als Paradox mein Allverbunden-sein. … Das Geschick der Erde und der Menschheit wird mir zur ureigensten Herzensangelegenheit. Je bewusster ich versuche, aus der Intuition solchen Empfindens mein Bestes aus mir hervorzubringen, desto stärker entzünden sich Kreativität und Wille zur Tat.

(Hildegard Kurt: Wachsen! Über das Geistige in der Nachhaltigkeit, S. 125)

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