Harald Welzer IV: Internet-Dreck sieht man nicht

(Bemerkung zur Veranstaltung am 31.1. im Evangelischen Bildungswerk Regensburg, am Ölberg 2, 19 Uhr: Besprechung des Buches „Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit“ von Harald Welzer.)

Formschön, bequem, nichts qualmt. Das ist das Internet, zumindest soll man das denken. In Wirklichkeit war „Internetkommunikation im weitesten Sinne in Deutschland für etwa zehn Prozent des Stromverbrauchs verantwortlich, … für 2020 sollen es schon ein Fünftel sein“ (S. 59). Eine „Cloud“ ist eben doch eine Serverbank mit dem Stromverbrauch von Kleinstädten.Wenn im Netz 16000 Gigabyte pro Sekunde übertragen werden, braucht man auch ein paar weitere Rohstoffe. Die Elektronikschrotthalden sind für uns ebenso unsichtbar wie die Abraumhalden und toxischen Seen bei den von Kinderarbeiten bevölkerten Minen. Der Materialaufwand zur Herstellung eines Handys ist so groß wie bei einem mittelgroßen Kühlschrank. Nur: „Das Smartphone konsumiert in der Anwendung mehr Energie und wird häufiger gegen ein neues ausgetauscht“ (S. 65).

Die Firma (der Verein) Nager IT bietet eine zumindest „2/3“-faire Computermaus an und versucht an einem Schaubild zu verdeutlichen, wie schwierig das ist. Unbedingt anklicken (das Bild findet man auch im Buch). Die Maus wird übrigens in Regensburg in der Werkstatt für psychisch kranke und behinderte Menschen retex zusammengelötet, das „Headquater“ ist in Bichl bei Kochel am See, und kaufen kann man sie in der Behindertenwerkstatt oder im Una Terra in der Oberen Bachgasse für ca. 30 Euro. Nix Mediamarkt. Im Webshop findet sich die interessante Zeile: „Lieferzeit: Ca. 1 Woche (mit Amazon können wir leider (?) nicht mithalten…).“

Im größeren Maßstab versucht auch fairphone die Wertschöpfungskette zu kontrollieren – und scheitert immer wieder an der unfassbaren Profitgier der Großunternehmen, der Schwäche der Regierungen und z.B. an den Warlords im Kongo. Ein einziges Zitat verdeutlicht die Probleme der Fairphone-Idealisten punktgenau:

„Bas van Abel und seinen Kollegen waren lange auf der Suche nach einem Betrieb in China, der grundlegende Menschenrechte einhält und seinen Arbeitern einen gerechten Lohn bezahlt. Das ernüchternde Resultat: So einen Betrieb gibt es in China nicht.“ (Die Presse, 21.1.2016)

Unsere Wahrnehmung von der Informationsindustrie benötigt noch viele Korrekturen, damit Menschenrechtsverbrechen, Umweltzerstörung und Ausbeutung überhaupt relevant verfolgt werden können.

Gespräch und Diskussion zum Thema am 31.1. um 19 Uhr im Ev. Bildungswerk, Am Ölberg 2

 

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