Harald Welzer II – Internetkonzerne verdummen uns

Bezugnehmend auf meinen Blog von gestern: Was ist dran an Harald Welzers Behauptung, die Internetindustrie verarme uns geistig?

Man kann Harald Welzer nur verstehen, wenn man Konsum nicht als eine neutrale Handlung ansieht, die so notwendig ist wie sie ist, um Menschen glücklich und zufrieden zu machen. Für ihn ist das pausenlose Konsumieren der Menschen bereits Ergebnis einer erfolgreichen Dressur, womit gleichzeitig behauptet ist: Sind die basalen Grundbedürfnisse befriedigt, dann ist auch ohne den Konsummöglichkeiten der Gegenwart ein glückliches Leben möglich. (Wir wären auch zufriedener, denn Reklame hat die Aufgabe, unzufrieden zu machen). Das „nicht-sehen-wollen“ oder „nicht-sehen-können“ einer nicht-konsumorientierten Lebensweise ist: Verarmung.

Personalisierung

Welzer kann sich so glaubhaft lustig über das gegenwärtige Getue machen, weil er jenseits der Datenkraken lebt, denkt und arbeitet. Etwa über Spotify, das nicht nur Musik bereit hält, sondern auch auf Photos, Kontakte etc..  zugreifen will. Es will Songs vorschlagen, die z. B. zur persönlichen Jogging-Geschwindigkeit passen. Welzer: „Na klar. Man stelle sich bloß vor, der Jogger würde seine Musik selbst aussuchen, und dann passt sie gar nicht!“.

Auf jeder Seite des Buches findet sich eine Stelle, die verdeutlicht, dass man das gegenwärtige Treiben absurd finden kann und soll. Und muss: Es erleichtert das Leben, von Amazon ähnliche Produkte zu den gekauften vorgeschlagen zu bekommen, aber verarmt das nicht sogar innerhalb des auf ein Konsumentendasein verarmten Lebens selbst unsere Konsummöglichkeiten? Es ist halt bequem, wenn man nicht selbst Infos einholen muss und weiß, dass sich die neuen Produkte den alten ähneln und man deshalb mit hoher wahrscheinlichkeit Gefallen daran finden wird. Das reduziert unsere Persönlichkeit, wenn Reibungsflächen fehlen, Gewohnheiten bleiben dürfen und wir uns im eigenen Sumpf bewegen. Weil wir da Energiesparer sind, ist Amazon so erfolgreich.

Personalisierung von Nachrichten

Facebook ist eher noch problematischer, weil es immer mehr Menschen auch als Nachrichtenportal nutzen, doch: „Menschen, die sich vor allem für Sport interessieren, bekommen Sportnachrichten angeboten“ (S. 138). Das ist die nächste Verarmungsstufe: Nur ich und meine Meinung sind wichtig. Meinem Universum wird täglich geschmeichelt, denn seine Richtig- und Wichtigkeit wird durch aktuelle Meldungen und Likes belegt, pausenlos, mit jedem von mir gesetzten „like“ ein bisschen besser. Das gab es früher auch, man ging in seine Gesprächskreise. Jetzt wird es perfekter, einfacher, und für alle. Wohin das führt?

Diskussion hierzu am: 31.1., 19 Uhr, Evangelisches Bildungswerk Regensburg, bei der Besprechung des Buches von Harald Welzer

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